Auf ein Wort

Andacht zur Jahreslosung 2022
Jesus Christus spricht: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“

Johannes 6,37

Karsten Künzl

1967 wurde ich in Berlin geboren. Nicht weit von unserem Zuhause teilte die Berliner Mauer den Osten der Stadt vom Westen. Wenn wir unsere Verwandten im Osten besuchen wollten, mussten wir durch den Eisernen Vorhang. Das war beschwerlich. Wir brauchten einen Reisepass, ein Visum, mussten Geld umtauschen und wurden natürlich gründlich kontrolliert. Einmal wären wir fast abgewiesen worden, weil ich eine selbstbespielte Kassette in meinem Walkman hörte. Auf der anderen Seite der Grenze öffnete sich eine andere Welt. Meine Verwandten dort durften nicht reisen, hatten kein Auto und kein Nutella. Wir sprachen die gleiche Sprache, aber unsere Leben unterschieden sich jenseits des Eisernen Vorhangs spürbar.

Zurzeit Jesu markierte ein anderer Vorhang, wo die Grenze lag, was ging und was nicht ging. Es war ein Vorhang im Tempel von Jerusalem, der allen zeigte, dass der Weg zu Gott versperrt ist. Die Gegensätze zwischen dem heiligen Gott und uns unheiligen Menschen waren zu groß. Vermintes Land, über das damals nur wenige Brücken führten. Eine dieser Brücken befand sich auf einem Absatz zwischen den Treppenstufen, die zum Tempel hinaufführten. Dort war ein jüdisches Tauchbad. Wer sich trotz aller Gegensätze Gott nähern wollte, legte seine Kleider ab, betrat auf der einen Seite das rituelle Wasserbecken, tauchte unter und verließ das Becken über die Treppe auf der anderen Seite. Erst jetzt – gereinigt und in neue Kleider gehüllt – war es möglich, weiterzugehen. Wer nicht durchs Tauchbad ging, wurde abgewiesen. Wer den Vorschriften nicht entsprach, kam nicht mal bis zum Bad. Wer kein Jude war, kam ohnehin nur bis in den Vorhof. Und in das Innerste des Tempels, dahin wo Gott wohnte, kam überhaupt niemand. Dort hing der Vorhang. Den Raum dahinter durfte nur einmal im Jahr der Hohepriester betreten. Für alle anderen war der Weg zu Gott versperrt.

Doch dann kam der Sohn Gottes in unsere Welt. Und Jesus sagte: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.” Und die Menschen horchten auf. Denn abgewiesen zu werden, war für sie an der Tagesordnung. Nicht nur wenn es um Gott ging. Auch die römischen Besatzer wiesen sie Tag für Tag zurück. Aber Jesus hielt sein Wort. Er berührte und heilte die Kranken. Er aß mit den Zöllnern und schenkte ihnen ein neues Leben. Er sprach mit Prostituierten und vergab ihnen. Selbst einem römischen Hauptmann half er zurecht. Und als Jesus starb, zerriss der Vorhang im Tempel.

Mein Reisepass hat mir den Weg in viele Länder geöffnet. Aber den Weg zu Gott hat Jesus freigemacht. Die Tür zum Himmel steht auch für Dich offen. Selbst wenn Du Dich zu schlecht für den Himmel fühlst, hält Jesus trotzdem an seiner Einladung fest. Geh ruhig auf ihn zu und vertrau ihm. Er sagt: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen!“

Ihr Karsten Künzl

Jahreslosung 2022

JESUS CHRISTUS SPRICHT: WER ZU MIR KOMMT, DEN WERDE ICH NICHT ABWEISEN.

Johannes 6,37 | BasisBibel | © 2021 Deutsche Bibelgesellschaft

 

Ansgar Hörsting

Ein Antrag bei der Krankenkasse kann abgewiesen werden. Oder der Versuch, sich dem Menschen anzunähern, in den man sich so sehr verliebt hat! Jede Abweisung ist eine harte, manchmal sogar demütigende, aber immer ernüchternde Erfahrung. Niemand wird sie bei Jesus machen! Das ist durch und durch gute Nachricht: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ Es wird nicht geschehen – hier steht es schwarz auf weiß. Niemand wird von Jesus abgewiesen. Ich muss es wiederholen: niemand. Das muss ich deswegen so sehr betonen, weil wir manchmal eine unsichtbare, aber wirksame gegenteilige Botschaft mit uns herumtragen.

Diese lautet: „Ja, aber …“ „Ja, aber der oder die sind so schlecht und so übel, die haben Gottes Gnade nun wirklich verspielt.“ Oder wir sagen über uns selbst: „Ja, aber vielleicht bin ich aber doch der einzige Mensch, der abgewiesen wird. Ich bin zu schlecht. Bei mir hat Gott die Geduld verloren. Er muss sie verloren haben.“ Depressive Menschen neigen zu dieser Sicht oder Menschen, deren Selbstbewusstsein ganz am Boden liegt. Oder solche, die sich so sehr in Schuld verstrickt haben, dass es ihnen unmöglich erscheint, Vergebung zu bekommen.

Doch genau dagegen setze ich das Wort Gottes: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen!“ Dieser Satz strahlt als befreiende Botschaft ins Gefängnis der Schuld, Ablehnung und Selbstzermarterung. Er ist, wie Martin Luther es über das Evangelium sagte, „gute Botschaft, gute Mär, gut Geschrei, davon man singet, saget und fröhlich ist.“

INSPIRIEREND WEITERSAGEN

„Evangelium inspirierend weitersagen – Es ist mir eine Ehre“ Unter dieses FeG-Jahresthema stellt der Bund Freier evangelischer Gemeinden (FeG) das Jahr 2022. Das ist es, worum es geht. Das dürfen wir sagen und dann einladen, dass Menschen zu Jesus kommen. Denn das sollen sie ja. Der Glaube an ihn ist kein Automatismus, keine Zwangsbeglückung. Und dieser Jesus Christus hat die Autorität und die Liebe, solche Dinge zu sagen: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen!“ Und sie stehen fest. Wie gut, dass wir das einfach weitersagen können.

Für Menschen, die tiefer bohren wollen, lohnt sich ein Blick ins gesamte Kapitel sechs des Johannesevangeliums. Denn dort erfahren wir, mit welchem Anspruch Jesus auftrat. „Ich bin das Brot des Lebens!“ Seine Zuhörer damals waren entsetzt über diese in ihren Ohren maßlose Selbstüberschätzung. Jesus nennt auch einen tieferen Grund dafür, dass er niemanden abweisen wird: weil der Vater sie ihm gegeben hat (Vers 36), weil der Vater sie zieht (Vers 44). Menschen sollen also kommen, aber sie können nur kommen, weil der Vater sie zieht bzw. weil er sie Jesus gibt. Da regt sich Protest. Nicht erst heute im 21. Jahrhundert, sondern schon damals. „Viele nun von seinen Jüngern (!) die es gehört hatten, sprachen: ‚Diese Rede ist hart. Wer kann sie hören?‘“ Sie murrten (Vers 41, Vers 61).

Aber anstatt die Sache kommunikationstechnisch etwas abzufedern, wiederholt Jesus es noch mal: „Niemand kann zu mir kommen, es sei ihm denn von dem Vater gegeben.“ (Vers 65). Ja, muss das denn sein? Muss man so nachkarren? Jeder Werbefachmann hätte Jesus empfohlen, etwas geschmeidiger aufzutreten. Das Ergebnis ließ nicht lange auf sich warten: „Von da an gingen viele seiner Jünger zurück und gingen nicht mehr mit ihm.“ (Vers 66)

JESUS IM FOKUS

Ich bin der Überzeugung, dass es für uns heute noch schwieriger ist, solche Worte zu akzeptieren. Mir fällt es selbst auch entsetzlich schwer. Ich kann das nur hören im Vertrauen, dass Gott gut ist, dass er souverän ist, und dass er in Jesus alles getan hat, um mich zu retten und mich zu ziehen. Ich kann es nur hören, wenn ich vertrauen kann: Er zieht ja ständig. Er lockt und wirbt und schiebt. Dann komme ich zu Jesus – und werde niemals abgewiesen. Und diese Botschaft gilt allen Menschen.

Diese gute Nachricht birgt also auch eine Zumutung. Aber im Kern wird dadurch unser Glaube fest. Wir glauben nicht an einen Gott, der unsere Vorstellungen erfüllt. Denn der könnte nicht halten, wenn das Leben schwankt. Wir glauben an einen Gott, der größer ist. Und das gilt es weiterzusagen.

Erst mit dieser schwer verdaulichen Botschaft bekommt die Nachricht eine tiefere Bedeutung. Denn Glaube ist keine Verfügungsmasse, sondern Geschenk, Wunder und Überraschung. Glaube ist kein Business, keine Marketingstrategie, kein Werben um die besten Slogans, sondern Gottes Wille, Gottes Wirken und der Beginn einer ewigen Beziehung zu ihm! Wir sagen: „Papa, Vater“.

EINLADEN ZU JESUS

Ich steige auf aus den tieferen Schichten des Textes und erblicke mit neuer Klarheit, mit geradezu durchlittenem und geläutertem Glauben den Satz: „Wer zu Jesus kommt, den wird er nicht abweisen.“ Und ich singe und sage davon weiter – und bin fröhlich. Mein Schlusswort steht umso fester: Komm zu Jesus. Tu es. Bete ihn an. Bete zu ihm und gib ihm Dein Leben. Er ist es wert und du bist es wert. Niemand wird von ihm abgewiesen.

Ansgar Hörsting | Präses des Bundes Freier evangelischer Gemeinden | praeses.feg.de

 

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